• Dickere Luft an der Gartenmauer

Dickere Luft an der Gartenmauer

25.08.2021

Nachbarschaftsstreit – In den vergangenen Monaten haben Nachbarschaftsstreitigkeiten deutlich zugenommen. Schuld daran ist nicht zuletzt die Corona-Krise. Der HEV Baselland berät betroffene Mitglieder. 

Die Auseinandersetzungen unter Nachbarn haben 2020 gegenüber dem Vorjahr schweizweit um 23 Prozent, also fast ein Viertel, zugenommen. Bei den Lärmklagen und Baueinsprachen habe es im vergangenen Jahr sogar je 73 Prozent mehr Fälle gegeben, schreibt die Rechtsschutzversicherung AXA-ARAG in einer Medienmitteilung. Die Zahlen für 2021 zeigten weiter nach oben. Bei den Baueinsprachen kam es in diesem Jahr von Januar bis April sogar zu einem Plus von 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Genaue Zahlen für das Baselbiet gibt es zwar nicht, aber auch Alexander Heinzelmann, Advokat und Vizepräsident des HEV Baselland, hat eine Zunahme bemerkt. Bei der Arbeit in seiner Anwaltspraxis wie auch im Rahmen der Rechtsauskünfte, die er den 2000 Mitgliedern der HEV-Sektion Liestal und Umgebung erteilt, stellte er fest, dass es vermehrt zu nachbarschaftlichen Konflikten kommt.
Die Gründe für die Streitigkeiten sind vielfältig: Am häufigsten entbrennen Konflikte zwischen Nachbarn aufgrund der Höhe oder des Abstands von Sträuchern, Hecken oder Bäumen, wegen Lärmemissionen oder Uneinigkeiten bezüglich Bauvorhaben.

Corona und Verdichtung
Für die Zunahme der Streitfälle gibt es gemäss Heinzelmann mehrere Gründe. Einer davon sei die Corona- Pandemie: «Wegen der damit verbundenen Homeoffice-Pflicht und der über längere Zeit geltenden Aufforderung, zu Hause zu bleiben, wurden und werden Störungen der Privatsphäre sowohl im Haus als auch im Garten verstärkt wahrgenommen », sagt Heinzelmann. Es würden auch Sachen beanstandet, die bisher toleriert wurden.
Insbesondere für die gestiegene Zahl der Baueinsprachen sieht Heinzelmann einen weiteren Grund in der zunehmenden Verdichtung der Wohnquartiere. «Werden ältere Gebäude, meistens mit etwas Umschwung, abgerissen und durch einen grösseren Baukörper ersetzt, wirkt sich dies in vielen Fällen nachteilig auf die Nachbarschaft aus», sagt Heinzelmann. Bevor man den Nachbarschaftsstreit vor ein Gericht zieht, ist es in den meisten Fällen ratsam, eine aussergerichtliche Schlichtung anzustreben. «In erster Linie sollte bei nachbarschaftlichen Beanstandungen das persönliche Gespräch und eine einvernehmliche Lösung gesucht werden », sagt Alexander Heinzelmann. Falls auf diesem Wege keine Lösung erzielt werde, könne das zuständige Friedensrichteramt angerufen werden. «Dieses kann in vielen Fällen zwischen den Parteien vermitteln und den Weg zu einer Kompromisslösung aufzeigen», sagt Heinzelmann.
HEV-Mitglieder werden bei Streitigkeiten mit den Nachbarn von den Rechtsberatungen der einzelnen HEV-Sektionen unterstützt (siehe Infobox). «Die für Mitglieder unentgeltliche Erstberatung zeigt auf, wie die Rechtslage ist und welche Lösungsmöglichkeiten bestehen», sagt Heinzelmann.

Streitigkeiten vermeiden
Am besten ist es, wenn es gar nicht erst zu einem Streit kommt. «Bei Gartenumgestaltungen oder Bauvorhaben, die den Nachbarn stören könnten, ist es ratsam, diesen frühzeitig zu informieren und auch selbst die Zulässigkeit des eigenen Vorhabens abzuklären», sagt Heinzelmann. Die betroffenen Nachbarn frühzeitig zu informieren, kann dabei helfen, dass Konflikte gar nicht erst entstehen und dass bei Bedenken bereits im Vorfeld der Projektumsetzung geeignete Alternativlösungen diskutiert werden. «Dieses Vorgehen hilft, die hoffentlich guten nachbarschaftlichen Beziehungen positiv zu beeinflussen und damit auch die eigene Wohnsituation nachhaltig in friedlichem Zustand zu erhalten, sagt Alexander Heinzelmann.

Reto Anklin

Mediation und Rechtsberatung

Bevor ein Nachbarschaftsstreit zum Gerichtsfall wird, lohnt sich auf jeden Fall eine unabhängige Mediation. Unter Leitung eines Mediators oder einer Mediatorin wird versucht, den Konflikt so zu lösen, dass es nicht – wie häufig in Gerichtsfällen – einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Den Mitgliedern des HEV Baselland steht in jeder Sektion eine eigene, zum Teil kostenlose Rechtsberatung zur Verfügung. Die Beratung wird durch ausgewiesene Fachleute wahrgenommen.
Die Kontaktperson jeder Sektion und weitere Informationen finden sich auf der Website des HEV Baselland: www.hev-bl.ch